Auf die Nachfrage nach Lösungen reagieren

Experten um MCC-Gruppenleiter Kowarsch empfehlen eine Weiterentwicklung der Umwelt-Assessments – auch um populistischen Tendenzen zu begegnen.

Foto: MCC

31.05.2017

Das Pariser Klimaabkommen und die Verabschiedung der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen sind historische Meilensteine der internationalen Zusammenarbeit. Über konkrete Handlungsoptionen, die vereinbarten Ziele angesichts komplizierter Wechselwirkungen umzusetzen, wissen wir bislang jedoch zu wenig. Populisten versuchen mit einfachen, vorschnellen Antworten zu punkten. Das ist genau der falsche Weg, sagen Wissenschaftler um Martin Kowarsch vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC). Sie plädieren für eine Reform der sogenannten Umwelt-Assessments – der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik.

Demnach sollen die wissenschaftlichen Assessments der Komplexität und Wertbeladenheit der globalen Herausforderungen wie dem Klimawandel noch besser Rechnung tragen – und zwar indem sie einerseits viele Alternativ-Lösungen erkunden und andererseits die verschiedenen Interessenvertreter in diesen Prozess möglichst früh einbinden. Die Forscher haben ihren Aufsatz „A roadmap for global environmental assessments“ jetzt im renommierten Fachmagazin Nature Climate Change veröffentlicht.

Konkret empfehlen die Autoren, den Fokus der Assessments stärker auf bestimmte politische Maßnahmen zu legen, um der Politik greifbare Handlungsalternativen aufzuzeigen. An diesen alternativen Politikpfaden sollte sich die sozialwissenschaftliche Forschung stärker ausrichten, um mehr über deren Bedingungen, Chancen und Risiken zu erfahren. „Die Reform ist nötig um auf die wachsende Nachfrage nach Lösungen für die globalen Umweltprobleme zu reagieren – und auch um dem zunehmenden Populismus und der Wissenschaftsskepsis entgegenzutreten“, sagt Kowarsch, Leiter der Arbeitsgruppe „Wissenschaftliche Assessments, Ethik und Politik“ am MCC.

Die Weiterentwicklung der Assessments bringt den Experten zufolge drei große Herausforderungen mit sich: So ist Umweltpolitik untrennbar mit anderen Politikbereichen wie Wirtschafts-, Sozial- und Energiepolitik verwoben – die Forscher sprechen von „Multidimensionlität“. Die Wissenschaft solle anhand der Analyse alternativer Politikpfade systematischer und integrierter vorgehen, um diese Zusammenhänge besser abbilden zu können, so die Empfehlung. Mittlerweile existieren weit über 200.000 Publikationen allein zum Thema Klimawandel. Mit besseren Techniken der Datenauswertung könnten die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse systematisch verglichen und zusammengefasst werden.

Die zweite Herausforderung liegt in den Interessenkonflikten, die die verschiedenen Lösungspfade hervorrufen. „Sobald eine konkrete Lösung vorgeschlagen wird, gibt es einen Aufschrei, weil sich eine bestimmte Interessengruppe benachteiligt fühlt“, erklärt Leitautor Kowarsch. Daher sollten möglichst viele Lösungswege erforscht werden, die die unterschiedlichen Interessen der gesellschaftlichen Gruppen abbilden. „Die Interessenvertreter müssen außerdem schon früh in den wissenschaftlichen Prozess eingebunden und daran beteiligt werden – das fördert die Legitimität von Assessments“, so Kowarsch weiter.

Als drittes empfehlen die Forscher, dass der Einfluss der Assessments auf die Politik stärker und genauer untersucht wird. Neue Studien geben Anlass zu der Annahme, dass die wissenschaftlichen Berichte einen weitaus größeren Einfluss auf Politik und Gesellschaft haben, als bisher angenommen. Politische Debatten werden durch die Assessments indirekt beeinflusst – es findet ein gegenseitiger Lernprozess statt.

„Das Konzept der CO2-Bespreisung etwa hat sich so auch erst nach und nach Bahn gebrochen“, sagt MCC-Direktor Ottmar Edenhofer, der den Aufsatz mitverfasst hat. „CO2-Preise sind aus der Klimadebatte heute kaum noch wegzudenken – dass ohne sie ambitionierte Klimapolitik kaum möglich ist, ist nun auch im politischen Mainstream angekommen. Das ist auch ein großer Verdienst der Assessments des Weltklimarates IPCC.“

DOI: 10.1038/nclimate3307