"Kohle ist einfach zu billig"

Vor der 21. UN-Weltklimakonferenz in Paris Ende des Jahres sind viele positive politische Signale gesendet worden: So haben die G7 auf ihrem Gipfeltreffen in Elmau im Sommer den Ausstieg aus der Kohle bis zum Jahr 2100 beschlossen. Und Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika „Laudato si“ die Weltbevölkerung aufgerufen, dem Klimawandel mit der Sorge für das „gemeinsame Haus“ Einhalt zu gebieten und die globalen Emissionen zu reduzieren. 

Doch während Dekarbonisierung derzeit in aller Munde sei, erlebe die Welt „eine Renaissance der Kohle“, sagt Ottmar Edenhofer, Direktor des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC), in einem Interview mit dem SPIEGEL. Das liegt laut Edenhofer vor allem an den Preisen. „Kohle ist einfach zu billig. Und solange sich daran nichts ändert, wird aus Kohle weiter Strom produziert – und die Emissionen steigen“. Durch die Einführung eines weltweiten CO2-Preises könnte die Verwendung von Kohle zur Energieerzeugung jedoch gebremst werden. Edenhofer betont: „Europa könnte hier mit gutem Beispiel vorangehen“.

Um auch Entwicklungsländer für die Einführung eines CO2-Preises zu belohnen, könne der Green Climate Fonds helfen: Mit den Geldern dieses Topfes könnten Entwicklungsländer kompensiert werden und aus den Einnahmen notwendige Entwicklungen in der Technologie finanziert werden, erklärt Edenhofer. „Vernünftiger Klimaschutz kann zugleich der Armutsbekämpfung dienen“. Eine Studie des MCC habe gezeigt, dass „schon bei einem moderaten CO2-Preis genug Geld zusammen kommt, um allen Bürgern von Entwicklungsländern Zugang zu sauberem Wasser, zu sanitären Einrichtungen und zur Telekommunikation zu verschaffen“.

 Trotzdem schätzt Edenhofer die Chancen der Weltklimakonferenz, eine internationale Übereinkunft zur Dekarbonisierung zu erreichen, als gering ein. Bereits eine Einigung der Staatengemeinschaft, ein Emissionshandelssystem einzuführen, dass zu weltweit steigenden CO2-Preisen führen würde, hält er für unwahrscheinlich. Die Politiker hätten die Dringlichkeit des Problems noch nicht verstanden: „Die Zahl der Kohlekraftwerke auf der Erde steigt und steigt, und das, obwohl sich für erfolgreichen Klimaschutz gerade das Fenster schließt“.

Auch der Erfolg der deutschen Energiewende setze einen CO2-Preis voraus. Denn bisher sei der Anteil des Kohlestroms am Energieverbrauch gestiegen. Die CO2-Emissionen stagnierten. „Der langfristige klimapolitische Erfolg der Energiewende steht noch aus“, konstatiert Edenhofer. Den Kohlekompromiss, alte Braunkohlekraftwerke in Reserve zu halten und dafür die Energiekonzerne mit Zahlungen in Milliardenhöhe zu entschädigen, kritisiert er als „neue, verdeckte Subvention der Kohle“ und für Deutschland als „das Gegenteil von dem, was wir brauchen“. 

Warum ein Ausstieg aus der Kohlenenergie so dringend notwendig ist, erklärt Ottmar Edenhofer im Interview mit „zeozwei“, dem Klima-Magazin der „taz“: Um zu erreichen, dass die globale Erderwärmung nicht um mehr als zwei Grad Celsius steigt, dürften weltweit nur noch 1.000 Milliarden Tonnen CO2  ausgestoßen werden - derzeit würden jährlich 35 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre geblasen. Edenhofer verdeutlicht die Konsequenzen dieses ungesteuerten Verbrauchs fossiler Energieträger: „Machen wir weiter wie bisher, ist unser CO2-Budget bei heutigem CO2-Ausstoß in dreißig Jahren verbraucht.“ 

Schließlich erläutert Edenhofer in diesem Interview, dass eine Bepreisung von CO2-Emmissionennicht nur dem Klimaschutz diene. Sie könne auch dazu beitragen, die Menschen glücklicher zu machen: In Deutschland beispielsweise seien die Erträge aus der 1999 eingeführten Ökosteuer an die gesetzlichen Rentenkassen überwiesen worden und hätten so einen Anstieg der Lohnnebenkosten verhindert. „Das müssen wir weiterdenken“, fordert Edenhofer: „Ein CO2-Preis kann bessere Bedingungen für das Glück schaffen“.

 

Hier geht es zur "Spiegel Online"-Nachricht über das SPIEGEL-Gespräch.

Hier geht es zum "zeozwei"-Interview.