Ein Politikberatungsmodell für den IPCC

Das MCC hat ein neues Modell präsentiert, wie Umweltassessments politikrelevant sein können – ohne Politik vorzuschreiben.

Foto: MCC

14.04.2015

Wissenschaftliche Klimaberichte sollten stärker die praktischen Konsequenzen der verschiedenen Politikoptionen erforschen. Dabei ist es nötig, diese Konsequenzen auch vor dem Hintergrund anderer Politikziele – wie etwa Ernährungs- und Energiesicherheit oder der Kampf gegen Armut – zu bewerten. Falls die Politikoptionen starke unerwünschte Nebenwirkungen haben, sollten nicht nur die Mittel, sondern auch das Politikziel selbst kritisch überdacht werden.

Das geht aus dem Fachartikel „Cartography of pathways: A new model for environmental policy assessments” hervor. Ottmar Edenhofer und Martin Kowarsch vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) haben ihn jetzt im Wissenschaftsmagazin Environmental Science and Policy veröffentlicht. 

Ein Beispiel illustriert den neuen Ansatz: Um das Zwei-Grad-Ziel zu akzeptablen ökonomischen Kosten zu erreichen, könnte es erforderlich werden, Biomasse in bisher nicht gekanntem Ausmaß anzubauen. Unter Umständen hätte dies jedoch sogar einen Anstieg der globalen Emissionen durch vermehrte Entwaldung zur Folge, sowie steigende Nahrungsmittelpreise und eventuell den Verlust von Biodiversität. Im Lichte einer solchen Erkenntnis muss sich die Gesellschaft fragen, wie sie diese Zielkonflikte durch eine geeignete Politik entschärfen kann – und welchen Preis sie zur Erreichung bereit ist zu zahlen.

Im Unterschied zu bisherigen Ansätzen sieht das von Edenhofer und Kowarsch entwickelte „pragmatisch-aufgeklärte Modell“ (PEM) vor, dass die untersuchten Politikoptionen auch unterschiedliche Wertvorstellungen reflektieren. Dabei sollen Gesellschaft, Wissenschaft und Politik an ihren Schnittstellen zueinander kontinuierlich in einer „Feedback-Schleife“ miteinander über die Konsequenzen kommunizieren und somit voneinander lernen. 

Oft werden vermeintlich wissenschaftlich notwendige Politikentscheidungen suggeriert. Stattdessen ist es das Ziel des PEM, den Stand des Wissens in verschiedenen Optionen politikrelevant zusammenzufassen, so dass aufgeklärte Entscheidungen möglich sind. Das neue Modell findet bereits Anwendung in der Praxis: Die Arbeitsgruppe III des Weltklimarates IPCC hat es in Teilen umgesetzt und sich dabei auf die Ideen des PEM bezogen.

„Unsere Vorstellung ist es, dass die Wissenschaft der Gesellschaft mehr als nur einen gangbaren Weg aufzeigt, wie sie ein guter Kartograf auf einer Landkarte einzeichnen würde. Alle relevanten Optionen müssen dabei auf den Tisch“, sagt MCC-Direktor Edenhofer. „Die Politiker haben dann die Aufgabe von Navigatoren: Sie müssen sich für einen der Wege – und dessen Konsequenzen – entscheiden.“

„Gerade langfristige Probleme wie der Klimawandel sind mit sehr großen Unsicherheiten behaftet. Daher kommt auch der Analyse der Konsequenzen von früheren Politikentscheidungen durch Assessments eine große Bedeutung zu“, sagt Kowarsch, Leiter der MCC-Arbeitsgruppe Wissenschaftliche Assessments, Ethik und Politik. Änderungen der politischen „Reiseroute“ auf der Basis solcher Erkenntnisse seien keineswegs ausgeschlossen. „Für die Klimapolitik sollte gelten: Versuch macht klug.“

 

Der Artikel im Original:

Edenhofer, Ottmar; Kowarsch, Martin (equal contributions), 2015: Cartography of pathways: A new model for environmental policy assessments. Environmental Science and Policy, doi:10.1016/j.envsci.2015.03.017

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