Ethik und Ökonomie: Studie zu Werten in Simulationen

Wenn Wertannahmen in wissenschaftlichen Szenarien aufgezeigt werden, kann dies die Nutzbarkeit für Entscheider in Politik und Wirtschaft verbessern.

05.12.2014

Computersimulationen etwa zu den Auswirkungen der Welthandelspolitik enthalten meist auch ethische Wertannahmen. Um diese besser sichtbar zu machen und mögliche Zielkonflikte zu verstehen, haben Wissenschaftler jetzt einen neuartigen methodischen Ansatz entwickelt und auf agrarökonomische Modellrechnungen zu globaler Wasserknappheit angewendet. Die jetzt veröffentlichte Studie ist Ergebnis einer ungewöhnlichen Zusammenarbeit von Wirtschaftsforschern, Naturwissenschaftlern und Philosophen. 

„Es gibt aus philosophischer Sicht keine wertneutrale Wissenschaft - Werte sind nicht gleichbedeutend mit Verzerrung, sondern ein unvermeidbarer und konstruktiv nutzbarer Bestandteil von Modellen und Szenarien“, erklärt Martin Kowarsch vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC). Sogar ein Szenario des bloßen Weiter-So – Business as usual genannt – enthält demnach Wertannahmen.

Gemeinsam mit Anne Biewald vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)  ist Kowarsch Leitautor der jetzt in Global Environmental Change erschienenen Studie. „In jedem Modell stecken auch ethische Annahmen – das für die Untersuchung  der landwirtschaftlich bedingten globalen Wasserknappheit verwendete Modell setzt  zum Beispiel die Verringerung der landwirtschaftlichen Produktionskosten als Ziel“, so Biewald.

Die Forscher knüpfen damit an das von Kowarsch mit dem MCC-Direktor und PIK-Chefökonom Ottmar Edenhofer entwickelte Modell einer pragmatisch-aufgeklärten Politikberatung an. Kernelement ist hier, dass Wissenschaft „policy relevant, not policy prescriptive“ sein soll.

"Wir zeigen an einem konkreten Beispiel, wie Forscher die normativen Annahmen in ihren modellbasierten Studien sichtbar machen könnten, um den kompletten politischen Lösungsraum auszuleuchten – also auch alternative politische Ziele und Mittel sowie Probleme, die nicht auch den ersten Blick erkennbar sind“, sagt Ko-Autor Hermann Lotze-Campen, Leiter des PIK-Forschungsbereichs Klimawirkung und Vulnerabilität. "Dies würde dann für politische Entscheidungsprozesse Informationen in einer gesellschaftlich nützlichen, wissenschaftlich verlässlichen und politisch relevanten Weise aufarbeiten – ohne dabei unterschwellig irgendwelche politische Vorgaben zu machen."

„Die Wertannahmen – egal ob absichtliche oder unabsichtliche – können die auf wissenschaftliche Erkenntnissen aufbauende konkrete Politik vorwegnehmen“, sagt Kowarsch. „Man sollte sie aber deshalb nicht unter den Teppich kehren, sondern transparent damit umgehen. So können sie die Politikrelevanz der Forschung sogar erhöhen.“

„Unser Ansatz erlaubt nicht nur, bestehende Wertannahmen in der Wissenschaft transparenter zu machen, sondern auch, Wertannahmen gezielt und konstruktiv einzusetzen“, so Kowarsch. „Statt absichtlich oder unabsichtlich durch einseitige Wertannahmen politische Entscheidungen vorwegzunehmen, sollten Wissenschaftler vielmehr bewusst alternative umstrittene Wertannahmen – zum Beispiel Nachhaltigkeit versus kurzfristiges Denken – in ihre Modelle und Szenarien einbauen. Dann lässt sich erforschen, was es jeweils für Konsequenzen haben würde, solchen Werten zu folgen und worin die Zielkonflikte genauer bestehen.“

 

Weitere Informationen:

Biewald, Anne; Kowarsch, Martin (equal contributions); Lotze-Campen, Hermann; Gerten, Dieter (2014): Ethical aspects in the economic modeling of water policy options, Global Environmental Change

DOI: http://dx.doi.org/10.1016/j.gloenvcha.2014.11.001

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