Den Sonnenschein ändern, um die Erde zu retten?

Die EU hat heute das MCC und zwei weitere Institute beauftragt, unkonventionelle Methoden des Klimaschutzes kritisch einzuordnen. 9 Millionen Euro Förderung für sechs Jahre.

Umstrittene Idee: durch Schwefelpartikel oder Solarspiegel lässt sich theoretisch der Treibhauseffekt mindern. Illustration: Shutterstock-Sosnovskiy

05.11.2020

Je drängender der Klimaschutz wird, desto mehr rücken neben dem Verringern von Treibhausgas-Emissionen weitere Optionen in den Blick. Laut Weltklimarat muss die Menschheit zum Erreichen der vereinbarten Temperaturziele auch CO2 zurückholen – denkbar sind zu diesem Zweck Aufforstung, aber zum Beispiel auch Plantagen mit besonders schnell wachsenden Pflanzen zum Verfeuern in Biokraftwerken (mit Abscheiden und unterirdischem Speichern des CO2) oder auch über Meeren oder Böden verteilte zermahlene Mineralien (die dort CO2 binden) sowie Luftfilter-Anlagen. Und inzwischen diskutieren manche sogar über „Solar Radiation Management“, also Manipulation der Sonneneinstrahlung. All solche Ideen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive kritisch einzuordnen – damit beauftragte heute der Europäische Forschungsrat der EU drei Spitzenforscher, darunter Jan Minx vom Berliner Klimaforschungsinstitut MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change).

Im Projekt GENIE („GeoEngineering and NegatIve Emission Pathways in Europe) geht es um Themen von globaler Bedeutung, die aber neue Unwägbarkeiten und Verteilungskonflikte bergen. So sind viele Techniken zur CO2-Entnahme sehr landintensiv und damit kontraproduktiv für Nahrungsmittelversorgung oder Artenvielfalt. Risiken von einer völlig neuen Qualität entstehen, wenn man mit Solar Radiation Management statt auf die Ursache auf die Symptome des Klimawandels zielt – etwa indem man mit Flugzeugen großflächig Schwefelpartikel über der Erde verteilt oder riesige Solarspiegel in der Erdumlaufbahn installiert: Das tangiert regional unterschiedlich Temperaturen und Niederschläge und damit zum Beispiel auch lokale Ernten. Federführend bei dem auf sechs Jahre angelegten und mit insgesamt 9 Millionen Euro dotierten Forschungsprogramm sind neben Minx auch Benjamin Sovacool (Uni Aarhus, Dänemark) und Keywan Riahi (International Institute for Applied Systems Analysis, Österreich).

Im Einzelnen werden die umweltspezifischen, technischen, sozialen, rechtlichen und politischen Dimensionen solcher unkonventioneller Klimaschutzmaßnahmen analysiert. Ausgangspunkt sind Meta-Analysen, die mit Hilfe künstlicher Intelligenz den wissenschaftlichen Sachstand stringent zusammenführen. Das GENIE-Projekt wird dazu beitragen, die Thematik umfassend in die sozialwissenschaftliche Klimaforschung einzubetten. Und für die europäische Politik wird es auf dieser Basis schließlich Handlungsalternativen für den Klimaschutz bewerten.

MCC-Direktor Ottmar Edenhofer erklärt zu der heutigen Mitteilung aus Brüssel: „Eine Förderungsbewilligung des Europäischen Forschungsrats zählt für Wissenschaftler zu den höchsten denkbaren Auszeichnungen überhaupt. Die Entscheidung ist eine Bestätigung dafür, dass am MCC herausragende Forschung gemacht wird. Dies ist die Basis für unsere wissenschaftliche und evidenzbasierte Politikberatung.“

Das Trio wird sich mit weiteren Kräften verstärken. Projektstart ist voraussichtlich im Mai 2021, erste Ergebnisse dürften 2023 publik werden. „Wir freuen uns über diese großartige Möglichkeit, unsere erfolgreiche Forschung zur CO2-Entnahme zu vertiefen und zugleich das Thema Solar Radiation Management mit der gebotenen wissenschaftlichen Distanz unparteiisch zu analysieren“, sagt Minx, der am MCC die Arbeitsgruppe Angewandte Nachhaltigkeitsforschung leitet. „Die politische Diskussion hierzu nimmt in jüngster Zeit offensichtlich Fahrt auf – da ist es gut, dass die EU jetzt eine große, von materiellen Interessen unabhängige Bewertung auf den Weg gebracht hat.“

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