Als Videostream verfügbar: der MCC-Politik-Dialog zum neuen Weltklimarat-Bericht

Was bedeutet die jetzt vorgelegte globale Standortbestimmung für Deutschland? Das diskutierten wir mit Bundesministerien, Industrie, Verbraucherzentralen, WWF und VCD.

26.04.2022

Die Welt braucht jetzt einen Kraftakt, wenn sie die Erderhitzung noch auf 1,5 Grad begrenzen will, die deutsche Politik muss dabei den ganzen Lösungsraum nutzen – und Strategien entwickeln, die es den Menschen Klimaschutz leichter machen. Das ist das Fazit des öffentlichen „Politik-Dialogs“ zum neuen Bericht des Weltklimarats IPCC, der heute im gut besuchten Tagungszentrum „Axica“ in Berlin-Mitte und parallel im Internet stattfand. Ausrichter war das Berliner Klimaforschungsinstitut MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change). Die Veranstaltung mit Fachleuten aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist über den nebenstehenden Youtube-Player auch nachträglich als Videostream verfügbar.

Anlass des Politik-Dialogs war die jüngste Veröffentlichung des Weltklimarats zur „Minderung des Klimawandels“ – die größte Standortbestimmung zur globalen Klimapolitik seit acht Jahren. „Wir fahren immer noch auf die Wand zu, wenn auch mit verringerter Geschwindigkeit“, formulierte MCC-Direktor Ottmar Edenhofer die Kernbotschaft dieses Berichts. „Es ist noch nicht gelungen, ein Lenkrad zu betätigen, um von der Wand wegzufahren.“ Der European Green Deal, der die EU bis 2050 klimaneutral machen soll, sei aber immerhin ein Ansatz dazu. „Er hat nicht nur klima-, sondern auch geopolitische Bedeutung, Europa tritt hier als starkes Nachfrage-Kartell auf“, betonte Edenhofer mit Blick auf das veränderte Umfeld durch den Ukraine-Krieg. „Der Green Deal steht dafür, dass Europa die Importe fossiler Energien vermindern wird.“

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Im Gespräch: MCC-Direktor Ottmar Edenhofer, Moderatorin Tanja Busse und Keynote-Speaker Sven Giegold, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (von links).

Sven Giegold, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), erklärte in seiner Keynote: „In unserem Haus wird daran gearbeitet, dass wir uns so schnell wie möglich von russischem Gas und Öl lösen. Die Krise schafft für die Energiewende zusätzliche Legitimation.“ Allerdings müsse die Transformation sorgfältig gemanagt werden. „Wir dürfen nicht den Fehler machen, dass unser Reden über Klimaschutz als Freiheitseinschränkung wahrgenommen wird“, mahnte Giegold. „In den Moralismus der Ökologiebewegung der 1980er-Jahre dürfen wir auf keinen Fall wieder verfallen.“

Von der anderen Seite her hat auch der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) einen langen Weg hinter sich, sagte dessen stellvertretender Hauptgeschäftsführer Holger Lösch. „Das sind ja alles Wege zum inneren Ich, auch von so einer Industrie. Es ist doch völlig klar: Eine Vier-Grad-Welt ist kein Unternehmer-Paradies!“ Lösch diskutierte gemeinsam mit BMWK-Abteilungsleiterin Birgit Schwenk und Viviane Raddatz von der Umweltstiftung WWF Deutschland im Anschluss an einen Input von MCC-Gruppenleiter Jan Minx. Dieser war als Koordinierender Leitautor in dem IPCC-Bericht federführend für das Kapitel zu Emissionstrends. „Der CO2-Ausstoß der letzten Dekade ist vergleichbar mit dem, was die Welt jetzt noch als Restbudget für das 1,5-Grad-Ziel hat“, stellte Minx klar. Und: „Der IPCC ist in diesem Bericht klarer als zuvor: CO2-Entnahmen aus der Atmosphäre sind kein Kann, sie sind ein notwendiges Komplement zu starken und tiefgreifenden Emissionsreduktionen.“

MCC-Politik-Dialog (2/3)
Panel eins zu Emissionstrends: MCC-Gruppenleiter Jan Minx, Birgit Schwenk (BMWK), Moderatorin Tanja Busse, Viviane Raddatz (WWF) und Holger Lösch (BDI, von links).

Input für eine zweite Panel-Runde lieferte MCC-Gruppenleiter Felix Creutzig, als Koordinierender Leitautor federführend für das erstmals in einem IPCC-Sachstandsbericht enthaltene Kapitel zu nachfrageseitigen Klimalösungen. Diese adressieren das Energienutzungsverhalten bei Mobilität, Wohnen oder Ernährung. „Bis 2050 können Emissionen um 40 bis 70 Prozent sinken, wenn der Staat mit Choice Architecture hilft, also Rahmenbedingungen und Investitionen.“ Wie das gehen kann, diskutierten Klaus Bonhoff, Leiter der Grundsatzabteilung im Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV), Thomas Engelke, Teamleiter beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), und Kerstin Haarmann, Bundesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD). Tenor: Klimaschutz und gutes Leben sind vereinbar, wenn die Politik Wahlmöglichkeiten sichert. Zur Illustration hielt Haarmann ihr Handy in die Luft: „In Zukunft muss das Smartphone die individuelle Mobilität sein und nicht das Auto.“

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Panel zwei zu nachfrageseitigen Klimalösungen: MCC-Gruppenleiter Felix Creutzig, Klaus Bonhoff (BMDV), Kerstin Haarmann (VCD) und Thomas Engelke (vzbv, von links).