Kohle-Boom in Subsahara-Afrika

Neue MCC-Studie beziffert bedrohliche Folgen für die Klimagas-Bilanz: Weltgemeinschaft muss helfen, emissionsfreie Alternativen attraktiv zu machen.

Kohlekraftwerk in Afrika: Enormer Bedarf an billiger und verlässlicher Energie. | Foto: Shutterstock/Kruger

10.12.2019

Während in Deutschland und anderen Industrieländern über das Tempo der Reduktion von Treibhausgasen gestritten wird, geht es in den wirtschaftlich am wenigsten entwickelten Ländern in die andere Richtung. In den knapp 50 afrikanischen Staaten südlich der Sahara (Subsahara-Afrika), das Schwellenland Südafrika nicht mitgerechnet, könnten bis zum Jahr 2025 neue Kohlekraftwerke mit einem jährlichen Ausstoß von 100 Millionen Tonnen CO2 in Betrieb gehen. Es entspricht aktuell etwa 40 Prozent dessen, was deutsche Kohlekraftwerke emittieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Berliner Klimaforschungsinstituts MCC (Mercator Institute on Global Commons and Climate Change), die jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht wurde.

„Bereits im Zeitraum 2005 bis 2015 stieg der durch Kraftwerke und Industrieanlagen bedingte CO2-Ausstoß in dieser Region um jährlich 6 Prozent“, berichtet Jan Steckel, Leiter der Arbeitsgruppe Klimaschutz und Entwicklung am MCC. „Angola, Kongo und Mosambik waren, wenn auch auf niedrigem Niveau, die drei Länder mit dem stärksten Anstieg weltweit.“ Auf Basis einer Datenbank des US-Finanzdienstleisters S&P Global zeigt die Studie nun für jedes einzelne Land die Investitionspläne für die nahe Zukunft. „Subsahara-Afrika steht vor einem Kohle-Boom“, sagt Steckel. „Dieser ist nicht zuletzt getrieben durch Kraftwerksbauer aus China und Indien, deren Heimatmärkte für Kohlemeiler zunehmend gesättigt sind.“ Insgesamt befinden sich Anlagen mit einer Leistung von etwa einem Gigawatt im Bau und weitere mit insgesamt 30 Gigawatt in Planung, von letzteren ist allerdings die Hälfte derzeit zurückgestellt.

Gestützt auf Daten der Internationalen Energieagentur sowie auf realistische allgemeine Entwicklungspfade aus der Forschungsliteratur beschreibt die MCC-Studie zwei Szenarien des Kohle-Booms. In einem vergleichsweise günstigen Szenario werden 70 Prozent der konkret geplanten sowie alle derzeit zurückgestellten Projekte abgeblasen. Es wird dann zwar noch geringfügig in Kohlekraftwerke investiert, aber die energiebedingten Emissionen werden durch den Ausbau erneuerbarer Energien weitgehend stabilisiert. Die MCC-Forscher zeigen, dass dieser Pfad weitgehend kompatibel mit den im Weltklimaabkommen von Paris festgelegten Zielen wäre. Im ungünstigen Szenario dagegen werden sämtliche Kohleprojekte realisiert. Die Emissionen, derzeit jährlich 245 Millionen Tonnen CO2 im Energie- und Industriesektor, steigen dann rasant an.

„In Subsahara-Afrika gibt es einen enormen Bedarf an billiger und verlässlicher Energie, die Region steht jetzt am Scheideweg“, warnt Michael Jakob, MCC-Forscher und Koautor der Studie. Was man jetzt an Anlagen errichtet, werde das Energiesystem und damit die Emissionen der Zukunft maßgeblich mitbestimmen. „Das Beispiel Afrika zeigt: Die globale Klimapolitik muss die wirtschaftliche Aufholjagd in den ärmeren Ländern im Blick haben – und helfen, emissionsfreie Alternativen der Energieversorgung attraktiv zu machen.“

Weitere Informationen:
Steckel, J., Hilaire, J., Jakob, M., Edenhofer, O., Coal and Carbonization in Sub-Saharan Africa, 2019, Nature Climate Change
https://www.nature.com/articles/s41558-019-0649-8