Land als Lebensgrundlage weltweit in Bedrängnis

Studie untersucht globale Änderungen der Landnutzung und findet heraus, dass die Artenvielfalt fast überall zurückgeht.

Abholzung des malayischen Regenwaldes für Palmöl-Plantagen Foto: Shutterstock/RichCarey

08.01.2019

Der weltweite Druck auf Landfläche als natürliche Lebensgrundlage hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Landfläche als Grundlage für Ökosysteme und Artenvielfalt schwindet am schnellsten, aber auch der Verlust von landwirtschaftlicher Fläche ist in mehreren Teilen der Welt von erschreckender Bedeutung. Die Lage kann nur abgemildert werden, wenn lokale und globale Handlungen abgestimmt ineinandergreifen, so eine Studie von Felix Creutzig und Kollegen vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change in Berlin, die gerade in der Fachzeitschrift „Global Sustainability“ erschienen ist. Die Forscher untersuchten weltweit die Veränderung der Landnutzung hinsichtlich der Artenvielfalt, der landwirtschaftlichen Nutzung, der CO2-Speicherung, sowie der Verstädterung in den Jahren 2000 bis 2010. Es ist die erste Studie, die räumlich aufgelöst diese Aspekte zusammenhängend und global untersucht.

Der schnellste Artenverlust ist im Amazonas und in Indonesien zu beobachten. Landwirtschaftliche Fläche schwindet dagegen vor allem in China, Indien, und im nördlichen Afrika. In Indien und Afrika südlich der Sahara lässt sich der schnellste Bevölkerungszuwachs beobachten. Die Landnutzungsveränderungen stehen in direktem Zusammenhang. „In China oder Ägypten geht die rapide Verstädterung auf Kosten wertvoller landwirtschaftlicher Fläche. Die Landwirtschaft holt sich die Anbaugebiete dann in abgelegenen Regionen wie dem Amazonas zurück – auf Kosten der letzten natürlichen Ökosysteme“, fasst Studienleiter Creutzig die Ergebnisse zusammen.

„Die Verstädterung, die sich lokal verändernden Lebensstile und die Fernwirkung bestimmter Konsumentscheidungen treiben die teilweise bedrohliche Veränderung der Erdoberfläche voran“, betont MCC-Direktor Ottmar Edenhofer und Ko-Autor der Studie. Zuerst sorgt die Verstädterung für direkte Eingriffe in Ökosysteme und geht auf Kosten landwirtschaftlich wertvoller Fläche. Weniger der Verlust der Landmenge aufgrund der Verstädterung ist besorgniserregend; problematischer ist vielmehr, dass dabei die weltweit landwirtschaftlich produktivste Fläche verloren geht. So trägt die Ausweitung von Kairo ins Nildelta mit dazu bei, dass Ägypten immer mehr Nahrungsmittel importieren muss. Zweitens sorgt die Änderung der Lebensstile sowie das Ansteigen des Bevölkerungswachstums dafür, dass gerade Ökosysteme im weiteren Umkreis der bevölkerungsreichen Gegenden unter Druck geraten. Ein Beispiel ist etwa die Savannah in Westafrika, wo auch ländliches Bevölkerungswachstum mit Zuwachs landwirtschaftlicher Leistung einhergeht. Drittens beobachten die Forscher, dass die Einschnitte in Ökosysteme globale Ursachen haben. Während der direkte Erhalt natürlicher Umgebung in Europa in den letzten Jahrzehnten durchaus anzuerkennen ist, so sorgt doch die Nachfrage für brasilianisches Soja, für niedersächsische Hühnchen oder chinesische Schweine indirekt dafür, dass immer weitere Fläche des brasilianischen Amazonas verschwinden, einem der größten und wertvollsten Ökosysteme unseres Planeten. Gleichermaßen ist die Nachfrage nach Palmöl aus Indonesien mit einem drastischen Verlust indonesischer Tropenwälder verbunden. Diese Fernwirkung betont auch die Verantwortung deutscher und europäischer Konsumenten und der hiesigen Nahrungsmittelpolitik.

Klimawandel ist das Zufallsmoment der Landnutzung, das sowohl zum Guten als auch zum Schlechten auf die Landfläche wirken kann. So kann im globalen Vergleich tatsächlich festgestellt werden, dass sich die Landfläche bereits durch den Klimawandel verändert. Dazu gehört das Ergrünen der sibirischen Tundra, das auch mit erheblicher Freisetzung von Methan, einem wirksamen Treibhausgas, einhergeht, ein wachsender Verlust landwirtschaftlicher Fläche in Australien durch Dürre, und eine Veränderung der Savanne in Afrika durch neue Niederschlagsmuster.

Felix Creutzig hebt wiederholt die Bedeutung der Artenvielfalt hervor und mahnt zu einem nachhaltigeren Lebensstil: „Artenverlust ist irreversibel und wir brauchen koordinierte Bemühungen bei der Stadtplanung, bei der Ausweitung der Fläche von Nationalparks, und das auf globaler Ebene, indem etwa Artenschutz harmonisiert und verstärkt wird, aber auch gemeinsam geschaut wird, wie wir unsere Konsummuster nachhaltiger gestalten können. Stadtplanung in sich rasch entwickelnden Ländern, von Nigeria bis Thailand, könnte durch kompaktere Bauweise Land einsparen. In Europa und Nordamerika würde zum Beispiel ein gemäßigter Konsum von Fleisch- und Milchprodukten schon zum Schutz der Regenwälder beitragen.“

Weitere Informationen:
Felix Creutzig, Christopher Bren d’Amour, Ulf Weddinge, Sabine Fuss, Assessing human and environmental pressures of global land-use change 2000–2010, doi: 10.1017/sus.2018.15



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