Studie zu klimaschädlicher Palmöl-Produktion in Indonesien zeigt Schubwirkung für Industrialisierung

Wer Klimaschutz stärken will, muss die Motive der Regierungen verstehen. Analyse im Top-Journal JAERE mit vertraulichen Daten aus dem viertgrößten Land der Welt.

Boom-Branche: Palmöl-Plantage in der Provinz Ostkalimantan in Indonesien. | Foto: Shutterstock/Hizkia

10.04.2024

Indonesien, das nach Bevölkerung viertgrößte Land der Erde, hat nach Brasilien und dem Kongobecken die größten Regenwälder. Doch es rodete in den letzten 20 Jahren riesige Gebiete, um Palmöl zu produzieren, das etwa in Keksen, Schokolade, Kerzen, Kosmetika und Tütensuppen steckt. Der klimaschädliche Palmöl-Boom brachte unmittelbar viele Jobs – und eine Studie untersucht jetzt ein umfassenderes Motiv der Regierung: eine Schubwirkung für die Industrialisierung. Die Studie wurde erstellt unter Mitwirkung des Berliner Klimaforschungsinstituts MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change) und publiziert in der in der renommierten Fachzeitschrift Journal of the Association of Environmental and Resource Economists (JAERE).

„Klimaschutz im globalen Süden fällt nicht vom Himmel“, sagt Nicolas Koch, Leiter des Policy Evaluation Lab am MCC und einer der Autoren der Studie. „Wer ihn voranbringen will, muss die Mechanismen der politischen Ökonomie verstehen, also warum Regierungen Entwicklungsprozesse, die aus globaler Sicht problematisch sind, bewusst forcieren. Wir beleuchten hier die heikle Frage nach positiven Effekten des indonesischen Palmöl-Booms für die allgemeine Wirtschaftsentwicklung. Und werden leider fündig.“

Die Studie stützt sich auf zum Teil vertrauliche Daten zu 1150 Palmöl-Mühlen in Indonesien, das ist praktisch der gesamte Sektor, sowie zu den 20.000 mittelgroßen und großen Betrieben des indonesischen verarbeitenden Gewerbes. Mit anspruchsvollen statistischen Methoden geht sie der Frage nach, inwieweit die Inbetriebnahme neuer Palmöl-Mühlen die Industrialisierung außerhalb der Palmöl-Lieferkette beeinflusst hat. Dabei arbeitet das Forschungsteam, um den Ursache-Wirkung-Zusammenhang herauszufiltern, wie in einem Laborexperiment mit Versuchs- und Kontrollgruppe: Es vergleicht für den Zeitraum 2005 bis 2015 die Entwicklung von Industriebetrieben in Regionen mit und ohne eine solche Investition und schließt falsche logische Schlüsse durch Robustheitschecks aus.

Die Investition einer solchen Mühle hat in der Regel einen Umfang von rund 100 Millionen US-Dollar und geht einher mit dem Anbau der ursprünglich aus Westafrika stammenden Ölpalmen auf rund 10.000 Hektar Fläche. Der zentrale Befund der Untersuchung lautet: Eine solche Palmöl-Investition hat für sich genommen beträchtliche Effekte. Sie lässt in der etablierten branchenfremden Industrie der entsprechenden Region den Umsatz um durchschnittlich 15 Prozent steigen und sowohl die Arbeitsproduktivität als auch Gesamtproduktivität um jeweils 13 Prozent. Ein wesentlicher Grund dafür sind im Zuge der Investition gebaute Straßen, die auch der sonstigen Wirtschaft zugutekommen. Zwar erhöhen sich vor Ort die Löhne für Arbeiterinnen und Arbeiter, was die industrielle Entwicklung tendenziell bremst, doch dieser Effekt wird durch Migration innerhalb von Indonesien stark abgeschwächt und kommt deshalb nicht zum Tragen.

So sorgsam die Studie die Schubwirkung des Palmöl-Booms statistisch herausfiltert: Dass Indonesien mit dieser Strategie gesamtgesellschaftlich gut gefahren ist, lässt sich keinesfalls herauslesen. Erstens verweist das Forschungsteam darauf, dass zum Beispiel Investitionen in neue Straßen ohne Palmöl-Boom auch positive Wirkungen für die Wirtschaft gehabt hätten. Es sei durchaus denkbar, dass eine andere Art der Wirtschaftsförderung in den betroffenen Gebieten die Industrie stärker vorangebracht hätte.

Und zweitens ist von den Klimafolgen der Regenwald-Rodungen in Indonesien ja auch das Land selbst betroffen. „Ob die Regierung wirklich im nationalen Interesse gehandelt hat, ist zweifelhaft“, stellt MCC-Forscher Koch klar. „Diese Frage müsste dann eine umfassende Kosten-Nutzen-Analyse klären, die auch die sozialen und ökologischen Klimaschäden in Indonesien in den Blick nimmt.“

Quellenhinweis zur zitierten Studie:
Kraus, S., Heilmayr, R., Koch, N., 2024, Spillovers to Manufacturing Plants from Multimillion Dollar Plantations: Evidence from the Indonesian Palm Oil Boom, Journal of the Association of Environmental and Resource Economists (JAERE)
https://www.journals.uchicago.edu/doi/10.1086/727196