Importabhängig: Viele Entwicklungsländer riskieren Nahrungskrisen

Weltweit sind 200 Millionen Menschen von Krisen durch Importeinbrüche bei Grundnahrungsmitteln bedroht. Länder in Nordafrika und Mittelamerika sind stark importabhängig, doch kann ein Großteil der Bevölkerung auch steigende Lebensmittelpreise noch bezahlen. Dagegen ist südlich der Sahara die Importabhängigkeit geringer, aber dafür sind die Armen stärker betroffen. Das zeigen jetzt Forscher des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin.

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01.03.2016

Weizen, Reis und Mais sind die wichtigsten Grundnahrungsmittel weltweit, doch viele Entwicklungsländer produzieren nicht genug für den eigenen Bedarf und beim Import sind sie abhängig von wenigen Exportländern – mitunter nur einem einzigen. Die MCC-Wissenschaftler haben jetzt berechnet, was passiert falls wichtige Exporteure ihre Ausfuhr drosseln oder sogar stoppen, etwa nach einer Hitzewelle oder Dürre. Das Ergebnis: Besonders betroffen wären importabhängige Länder mit vielen Armen und vor allem einige westafrikanische Länder, die auf Reisimporte angewiesen sind.

„Würde Thailand als größter Reislieferant weltweit seine Ausfuhr stoppen, bekämen das von Mauretanien bis Nigeria 136 Millionen Menschen zu spüren, die nach Definition der Weltbank als arm gelten“, sagt Christopher Bren d‘Amour, Leitautor der MCC-Studie. Bereits fünf Prozent weniger Reis auf dem Markt eines Entwicklungslands könnten den Preis dort bis zu 17 Prozent in die Höhe treiben. „Das ist dramatisch, wenn man weniger als zwei US-Dollar am Tag zum Leben hat“, so der Berliner Forscher.

Weitreichende Folgen hätte auch ein Lieferstopp der USA als Marktführer beim Mais. Hier wären 21 Millionen Menschen betroffen, zumeist in Mittelamerika und der Karibik. Beim Weizen wiederum sind viele Länder Nordafrikas und der Mittlere Osten sehr anfällig für importbedingte Preissteigerungen. Gänzlich unrealistisch seien diese Szenarien nicht, sagt Bren d‘Amour. Tatsächlich würden wichtige Exportnationen wie Russland, Thailand und Vietnam zu einer restriktiven Ausfuhrpolitik neigen, um in schlechten Zeiten ihre inländischen Märkte zu stützen. Gleichzeitig nähmen Wetterextreme zu, was auf die Erträge drückt.

Ernüchternd sind aber auch andere Berechnungen, die die MCC-Wissenschaftler aufgestellt haben: Würde der Export von Reis, Mais und Weizen weltweit nur um zehn Prozent zurückgehen, wären 55 Millionen Arme in 58 Ländern von Preissteigerungen betroffen. Dr. Felix Creutzig, Mitautor der Studie: „Wenn eine Überflutung im Mekongdelta, Vietnam, die Reisproduktion zu Grunde richtet, kann sich der Slumbewohner in Lagos, Nigeria, das Grundnahrungsmittel Reis nicht mehr leisten. So verstärkt das Unwetterrisiko in einer Weltregion das Armutsrisiko einer anderen Weltregion.“

Als Vorsorgemaßnahmen gegen Nahrungskrisen schlagen die Autoren vor allem eine Stärkung der heimischen Landwirtschaft, wie es Nigeria versucht, mehr Handelspartner und eine Ausweitung der Nahrungsmittelpalette vor. Bewässerung und mehrere Ernten im Jahr durch den Anbau unterschiedlicher Pflanzen auf der gleichen Fläche könnten gerade in tropischen und subtropischen Gegenden höhere und vielfältigere Erträge ermöglichen.  Entscheidend sei aber nicht zuletzt die Bekämpfung der Armut als Gegenmittel, „denn je mehr Geld die Menschen zum Leben haben, umso besser kann die Bevölkerung eines Landes Preissteigerungen nach kurzfristigen Nahrungsengpässen abfedern“, so Bren d‘Amour.

Link zur zitierten Studie:
Christopher Bren d'Amour, Leonie Wenz, Matthias Kalkuhl, Jan Christoph Steckel and Felix Creutzig (2016): Teleconnected food supply shocks. Environmental Research Letters, Volume 11, February 2016

Download: http://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/11/3/035007/pdf

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